Gutachten im Familiengericht, Prof. Dr. Leitner

Gutachten im Familiengericht, Prof. Dr. Leitner

Gutachten am Familiengericht – Vortrag von Prof. DR. Leitner

Der Vorstand des Piano-Elternnetzwerk hat für Euch am 20.10.2016 19:00 den Vortrag „Gutachten im Familienrecht“, SOS-Kinderdorf-Zentrum in Bremen, besucht. Den Vortrag hielt Herr Prof. Dr. Leitner, Professor für Angewandte Psychologie an der IB-Hochschule Berlin.

Familienpsychologische Gutachten geraten immer wieder in die Kritik und in jüngerer Zeit zum Glück auch öfter in den Fokus der Öffentlichkeit.

Welche Anforderungen sind an familienpsychologische Gutachten konkret zu stellen?

  • Wissenschaftlich fundiertes Vorgehen
  • Transparenz
  • Nachvollziehbarkeit

Fallspezifische wissenschaftliche aussagekräftige und gültige Methoden sind bei familienpsychologischen Gutachten gefordert.

Laut Prof. Dr. Leitner bewerten viele Gutachter die Eltern auf psychologischer Ebene ohne Testverfahren. Im Jahr 2013/2014 führte Prof. Dr. Leitner Stichproben zu 272 Gutachten von 231 Sachverständigen durch.

Erschreckendes Fazit:
Nur 20 % dieser Gutachten stammten von approbierten Psychologen. Über 65 % der gesichteten Gutachten wurden von nicht approbierten Psychologen erstellt. Die restlichen Gutachten wurden von Medizinern, Erziehungswissenschaftlern oder Gutachtern mit Mehrfachqualifikationen erstellt.

Während des Vortrags wurde Videomaterial einer Dokumentation über einen betroffenen Elternteil im Kontext familienpsychologischer Begutachtung gezeigt. Entsetzt haben wir, während und nach der Filmvorführung, die anmaßenden Kommentare der Psychologen im Publikum zur Kenntnis genommen.
Prof. Dr. Leitner ließ sich jedoch nicht aus dem Konzept bringen und führte seinen Vortrag kompetent fort. Wir erfuhren zum Beispiel, dass nicht approbierte Dipl.-Psychologen nur beschränkte Befugnisse haben. Prof. Dr. Leitner verwies auf eine äußerst interessante Expertise der Bremer Psychotherapeutenkammer zum Approbationsvorbehalt und der Thematisierung „Welche Tätigkeiten dürfen an andere Berufsgruppen (Diplom-Psychologen, Sozialarbeiter, Spezialtherapeuten u.a.) delegiert werden“

Rechtspsychologen in ihrer Funktion als Gutachter

Die Rechtspsychologen unterliegen keiner Kammer. Sie werden nicht beaufsichtigt und kontrolliert. Dies hat fatale Konsequenzen für betroffene Familien, die oftmals unter den Folgen mangelhafter Gutachten leiden. Die logische Forderung ist, dass nur approbierte Dipl.-Psychologen Begutachtungen durchführen sollten, da diese einer Kammer unterliegen.
Im Laufe des Vortrages kam es bei dieser Thematik es zu hitzigen, verbalen Auseinandersetzungen zwischen approbierten und nicht approbierten Psychologen. In allen Berufen steht stets die Optimierung berufsbezogenen Aufgaben, Arbeitsprozesse und Sicherheitsbarrieren im Fokus. Ganz selbstverständlich. Wir haben an diesem Abend miterlebt, wie Psychologen sich dermaßen aufspielen und uneinsichtig zeigten, bezüglich der konkreten Forderung nach einer Kammerpflicht für Rechtspsychologen, dass man den Eindruck bekam, diese Sachverständigen würden sich bewusst einem möglichen Kontrollorgan entziehen wollen. Manche Aussagen im Publikum ließen selbst uns als Laien den Verdacht aufkommen, dass der eine oder andere Psychologe im Publikum selbst dringend eine Psychotherapie bräuchte. Traurig fanden wir auch, dass über ein absurdes Beispiel psychologischer Testverfahren, im Publikum gelacht wurde. Angesichts der Vorstellung und des Wissens, dass solche Sachverständige Gutachten über Trennungseltern anfertigen, verstärkt sich noch mehr unser Wunsch nach Prävention, Aufklärungsarbeit im Kontext von Nachtrennungsfamilien. Betroffene Eltern müssen über diese Missstände frühzeitig erfahren – nicht erst wenn das (mangelhafte) Gutachten bereits angefertigt wurde.

Aktenanalyse und Literaturverzeichnisse

Im Vortrag konnten wir außerdem erfahren, was Sachverständige bei familienpsychologischen Gutachten beachten müssen

  • Gutachten müssen Literaturverzeichnisse aufweisen
  • Verhaltensbeobachtungen müssen systematisch durchgeführt werden
  • Explorationsgespräche müssen auf Grundlage eines systematischen Gesprächsleitfadens erfolgen
  • Die Aktenanalyse muss systematisch erfolgen

Gütekriterien bei wissenschaftlichen Methoden

Prof. Dr. Leitner sprach ebenfalls über wissenschaftliche Methoden bei der Erstellung von familienpsychologischen Gutachten und das diese Gütekriterien (Zuverlässigkeit, Validität und Objektivität) erfordern. Der Professor präsentierte hierzu seine Studie aus dem Jahr 2009.
Auf Platz 1 der angewandten Testverfahren thronte „Familie in Tieren“, gefolgt vom Family Relations Test, Fabeltest, Satzergänzungstest, CAT, Mann-zeichnen-Test und weiteren Tests. Leider wiesen viele der Tests wie „Familie in Tieren“ nicht die notwendigen Gütekriterien auf. Wir erfuhren, dass der psychologische Persönlichkeitstest „Freiburger Persönlichkeitsinventar“ besonders gut bei den Gütekriterien abschneidet. Auf Wikipedia ist dieser psychologische Test genau erklärt.

Familienpsychologische Gutachten ablehnen

Angesichts dieser ernüchternden Ergebnisse, können wir Eltern in der Regel nur von der Teilnahme an familienpsychologischen Gutachten abraten. Leider sind nicht alle Richter und Richterinnen so geschult, dass sie ein mangelhaftes Gutachten erkennen. Es liegt schlussendlich in deren Entscheidung, ob sie ein Gutachten im Verfahren verwerten oder nicht. Im Verein haben wir jedoch auch schon die Erfahrung eines Elternteils zugetragen bekommen, dass ein mangelhaftes Gutachten vom Familienrichter im Verfahren nicht verwertet wurde. Dies ist jedoch eine absolute Ausnahme.

Systematische Untersuchungen zu familienpsychologischen Gutachten
Ergebnisse der aktuellen Studie, von Prof. Dr. Werner Leitner

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