Praxiserfahrung Wechselmodell

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Unsere Kinder sind unsere Spiegel–
Mein Resümee nach 6 Jahren „Praxiserfahrung Wechselmodell“

Blicke ich, trotz Scheidung und neuer Partnerschaft, auf die respekt- und vertrauensvolle Elternschaft mit meinem Expartner zurück, die nie zuvor im fundamentalen Grundvertrauen, z.B. durch Gewalt oder Nötigung, schwer erschüttert wurde, so habe ich im Leben wohl viel Glück gehabt, wenn ich als Mutter sagen kann, dass unser Sohn Christoph (7 Jahre) einen Vater hat, der sich ernsthaft für ihn interessiert und das ganze Jahr mit mir gemeinsam den Jungen fördert, umsorgt und erzieht. Haben wir doch als Ehepaar nicht für möglich gehalten, dass Christoph einmal ein Scheidungskind sein würde (Christoph war 1 Jahr alt), so hat sich von Anfang an für uns als Nachscheidungsfamilie, Junge-Baumabseits des Familiengerichts oder gar eines Helfersystems, das integrative Wechselmodell als passendes Lebensmodell etabliert. Demnach betreuen wir als Eltern das ganze Jahr über unser Kind, unter Berücksichtigung eines Basiszeitschemas mit einem Rhythmus von drei Tagen, aber ausgerichtet auf die kindlichen Bedürfnisse und angepasst an unsere realen Ressourcen, die eine Abweichung der Norm jederzeit ermöglichen. Dass diese Betreuungsflexibilität meiner Familie möglich ist, sehe ich bis heute als puren Luxus an, die unserer Selbstständigkeit zu verdanken gilt. In Anbetracht einer (Vollzeit)-Arbeitsstelle als Arbeitnehmer wäre diese freie, flexible Zeiteinteilung viel schwieriger zu ermöglichen, aber dennoch nicht unmöglich! Ähnlich verhält es sich mit den hohen Mehrkosten, die dieses Betreuungsmodell in den meisten Fällen mit sich bringt.

Die großen und kleinen Herausforderungen

Neben doppelter Kleidung, Spielsachen oder Möblierung, entstehen in unserem Fall pro Monat und Elternteil mehrere hundert Euro Fahrtkosten für die Transferfahrten zwischen beiden Elternhäusern und Kindergarten. Hierbei möchte ich anmerken: Inkompatibilitäten von Arbeits- und Betreuungszeiten für Alleinerziehende stellen hingegen eine noch größere  Herausforderung. Das Risiko von Alleinerziehenden – besonders von Elternteilen mit Kindern unter drei Jahren – in die Armut abzurutschen, ist enorm hoch. Ich bin dankbar, nicht am Rande des Existenzminimums leben zu müssen, denn so wäre dieses Lebensmodell in keiner Weise finanzierbar. Familien mit dem Wunsch, ein Wechselmodell zu leben, aber mit Anspruch auf Sozialleistungen, spüren hierbei verschärft Benachteiligungen. Doch bei all diesen finanziellen und materiellen Hürden und oftmals fehlenden flexiblen Zeitkontingenten, sehe ich eine andere hauptsächliche Schwierigkeit: Verantwortlich für das Gelingen oder auch Scheitern eines Lebensmodells wie das unsere, ist die Voraussetzung einer vorhandenen qualitativen, vertrauensvollen Elternebene mit einem hohen Maß an emotionalem Einfühlungsvermögen und der eigenen Reflexionsfähigkeit. Dass unser Sohn glücklich aufwachsen kann, pendelnd mehrmals die Woche zwischen zwei Elternhäusern und dem Kindergarten, bedeutet jeden Tag für meine Familie viel Arbeit und die ständige Pflege unseres Beziehungsgeflechtes, im Einklang aller Ebenen und dazugehörigen Familienmitglieder. Angefangen mit der Akzeptanz und dem Respekt untereinander für jede Person innerhalb der Familie und seiner ganz eigenen, einzigartigen Rolle als Elternteil, Stiefelternteil, Partner oder Expartner und nicht zuletzt auch als Kind dieser Familie. Angesichts der aktuellen Lage im Kontext des vorherrschenden Familienrechtssystem und dem angeschlossenen Helfersystem, schaue ich besorgt in die Zukunft. Die Tatsache, dass sich in den letzten Jahren ein Wirtschaftszweig herausgearbeitet hat, der mit dem Leid von Nachscheidungsfamilien Kasse macht, lässt nur die Spitze dieses aufgetürmten Berges an Systemfehlern, Rechtsbeugungen, Korruption und bitteren Leid vieler betroffener Kinder und deren Familien, erahnen.

Fazit

5 Jahre „Praxiserfahrung Wechselmodell“ haben mich folgendes gelehrt: Ist die Qualität einer Eltern-Kind-Beziehung und das kindliche Wohlergehen, sind nicht zwangsläufig durch Quantität elterlicher Anwesenheit innerhalb eines von außen erzwungenen Betreuungsmodelles gesichert, so kann ein freiwilliges integrativ-paritätisch ausgerichtetes Betreuungs- und Lebensmodell durchaus eine Bereicherung für Nachtrennungsfamilien bedeuten. Es ist hierfür nicht zwangsläufig ein echtes Wechselmodel notwendig, denn ein offenes Residenzmodell mit aufgeteiltem Betreuungszeitschema von 70% / 30%  ist  auch in seiner paritätischen Ausgestaltung anerkennungswürdig und wertschätzend. Voraussetzung ist hierfür, dass der umgangsberechtigte Elternteil frei und uneingeschränkt jederzeit Zugang zu seinem Kind hat. Die klassische monatliche 2-Wochenend-Bespaßung von Trennungskindern durch den involvierten umgangsberechtigten Elternteil ist für alle Beteiligten eine ungesunde, entwicklungshinderliche und absolut lebensbefremdliche Lösungsstrategie. Es erfordert ein Umdenken bei Familiengerichten, Jugendämtern und anderen angeschlossenen Institutionen. Erzwungene Betreuungsmodelle wie ein Wechselmodell, ohne weiter Hilfsangebote für betroffene Familien, werden jedoch niemals dem Wohl eines Kindes am Besten gerecht werden, sondern im schlimmsten Fall das Kind und die Familie, mindestens für die Start- und Übergangsphase, übermäßig belasten. Empathie, Reflexionsfähigkeit oder deeskalierende Kommunikationsfähigkeiten sind bei allen Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Eltern sollten, neben frühzeitigen Mediationsangeboten in Trennungssituationen, vorbeugende Angebote gestellt bekommen, welche die Vermittlung von Kenntnissen als Werkzeuge bereithalten, die eigenen Elternkompetenzen zu stärken und eine Stabilisierung und Reifung innerhalb der Elternpartnerschaft zu fördern.

Jenny Friedrichs,
Inhaberin einer Agentur für Design und Werbetechnik (2008–2017)
Mutter von drei Kinder (12J, 6J, 2J)

 


Ein aktueller Beitrag aus Hamburg zur Doppelresidenz:
Wenn Trennungskinder bei Mutter und beim Vater leben…

 


Das Konzept des PIANO-Elternnetzwerkes ist ausgerichtet auf ein universelles Logo Piano-ElternnetzwerkPräventionsangebot für alle Familien und ein Schwerpunktangebot, inkl. Hilfestellung zur Selbsthilfe, für (Nachtrennungs)Familien mit integrativ-paritätisch geführten Kinderbetreuungsmodellen. Unser Verein versteht sich, abseits des vorherrschenden Bewertungssystems, als achtvoller Partner von modernen Lebensgemeinschaften und Familien, in der betroffene (Trennungs)Kinder ein nahezu unbelastetes paritätisch geführtes Betreuungsmodell auf freiwilliger Basis genießen könnten. Als Verein sehen wir ein Betreuungsverhältis für gemeinsame Kinder mit einer Aufteilung von 70% / 30% bereits als paritätisch an. Somit kann auch ein offenes Residenzmodell mit freien und großzügig gestalteten Umgangsregelungen als gleichwertig und gleichberechtig gewürdigt werden.


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